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„Ohne Wärmebildkamera wären wir chancenlos gewesen!“
Vlothos Wehrführer Torsten Sievering im Interview

Waermebildkamera

Vlotho. Ursprünglich wurden Wärmebildkameras für das Militär entwickelt. Heute sind die Geräte im zivilen Bereich ebenfalls von unschätzbarem Wert. Die Feuerwehr durchleuchtet mit ihnen Rauch und Dunkelheit. Vermisste Personen werden dadurch schneller gefunden und versteckte Brandnester sichtbar gemacht. Die Feuerwehr Vlotho will weitere dieser Hightech-Kameras beschaffen. Die Onlineredaktion des KFV Herford sprach darüber mit Wehrführer Torsten Sievering.

Redaktion: „Torsten, in Vlotho-Steinbründorf hat sich in der Silvesternacht ein schlimmer Wohnungsbrand ereignet. Die Feuerwehr konnte einer jungen Frau das Leben retten. Welche Rolle hat die Wärmebildkamera (WBK) dabei gespielt?“

Torsten Sievering: „Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Sie war für die Rettungsaktion unverzichtbar. Als das LF 10/6 aus Steinbründorf als erstes Auto an der Einsatzstelle eintraf, stand das Erdgeschoss bereits im Vollbrand. Der 1. Angriffstrupp hatte die WBK sofort zur Hand, um damit das völlig verrauchte Obergeschoss nach den beiden Mädchen zu durchsuchen. Ohne das Gerät wären wir völlig chancenlos gewesen.“

Redaktion: „Die Löschgruppe Steinbründorf verfügt also auf ihrem Erstangriffsauto über eine WBK?“

Torsten Siervering: „Das ist richtig! Die Einheit ist nämlich gleichzeitig für die zentrale Atemschutzüberwachung an größeren Einsatzstellen zuständig. Außerdem gibt es noch eine zweite Kamera beim Löschzug-Mitte.“

Redaktion: „Und jetzt hat die Feuerwehr die Initiative ergriffen, um weitere Geräte zu beschaffen?“

Torsten Sievering: „Das könnte man meinen. In diesem Fall kam der Anstoß allerdings aus der Lokalpolitik. Die SPD-Fraktion hat dem Stadtrat vorgeschlagen, weitere Geräte anzuschaffen. Optimal wäre sicherlich, wenn alle fünf Einheiten der Weserstadt über eine WBK verfügen würden.“

Redaktion: „Wie beurteilst Du die Erfolgsaussichten?“

Torsten Sievering:
„Bürgermeister Stute ist ebenfalls von der Idee überzeugt. Er hat sich auf die Suche nach Sponsoren gemacht und ist dabei, wie ich erfahren habe, erfolgreich gewesen. Die Chancen stehen also gut, dass kurzfristig zwei weitere Geräte beschafft werden können.“

Redaktion:
„Kannst Du oder besser darfst Du etwas zu den Kosten sagen?“

Torsten Sievering:
„Also die Preislisten der namhaften Hersteller sind kein Geheimnis. Wir reden hier über rund 8.000 Euro, die für ein gutes, einsatztaugliches Gerät hingelegt werden müssen. Ich möchte betonen, dass die Einsatzmöglichkeiten einer WBK vielfältig sind. Die hohen Anschaffungskosten relativieren sich vor diesem Hintergrund.“

Redaktion:
„Welche Einsatzbereiche sind das im Einzelnen?“

Torsten Sievering:
„Die Menschenrettung in verqualmten Räumen habe ich ja bereits angesprochen. Eine WBK dient aber eigentlich bei jedem Wohnungsbrand immer auch als Eigenschutz für die Einsatzkräfte. Wie sollen sie sich sonst in völlig verrauchten Gebäuden, die sie zuvor noch niemals betreten haben, orientieren? Die Kamera hilft meiner Meinung nach ganz entscheidend dabei, Dienstunfälle zu vermeiden. Und sie kann zusätzlich dazu beitragen, den Brandschaden zu minimieren!“

Redaktion: „Wie meinst Du das?“

Torsten Sievering:
„Ganz einfach: Auf der Suche nach Brandnestern müssen die Einsatzkräfte oftmals Deckenvertäfelungen herunterreißen oder Wandverkleidungen entfernen. Die WBK hilft dabei, Brandnester zu lokalisieren und dadurch einen weiteren Sachschaden zu vermeiden. Damit einher gehen ein wesentlich zielgerichteter Löschmitteleinsatz und ein entsprechend geringerer Wasserschaden.“

Redaktion: „Wie sieht es im Bereich der Technischen Hilfeleistung aus?“

Torsten Sievering: „Also die technischen Möglichkeiten einer WBK sind ganz erstaunlich! Die Technik erkennt bereits geringste Temperaturunterschiede. Dadurch werden selbst Wärmeabdrücke, die ein Mensch hinterlässt, auf dem Kamerabildschirm sichtbar. Ein denkbares Einsatzszenario wäre beispielsweise ein schwerer Verkehrsunfall, bei dem die Insassen aus dem Auto herausgeschleudert wurden oder unter Schock davongelaufen sind. Ein Schwenk mit der Kamera auf die Sitzpolster im Fahrzeug kann noch Minuten nach dem Unfall Aufschluss darüber geben, wie viele Personen mitgefahren sind!“

Redaktion: „Das ist ja interessant. Kann die Kamera bei Unfällen mit Gefährlichen Stoffen und Gütern ebenfalls hilfreich sein?“

Torsten Sievering: „Sicherlich. Druckgasflaschen, die bei einem Brandeinsatz der Wärmestrahlung ausgesetzt waren, lassen sich kontrollieren. Der Füllstand eines Behälters mit einer gefährlichen Flüssigkeit kann genauso, wie die Leckage einer Rohrleitung festgestellt werden. Denkbar ist außerdem, dass Gewässerverunreinigungen mit Hilfe der WBK sichtbar gemacht werden.“

Redaktion: „Kannst Du einige Tipps zur taktischen Vorgehensweise geben?“

Torsten Sievering: „Nach meiner Erfahrung sollte die Kamera zunächst vom Gruppenführer zur Lageerkundung mitgenommen werden. Brandausbreitung, Wärmestrahlung und Funkenflug lassen sich dadurch schneller feststellen. Anschließend nimmt der 1. Angriffstrupp das Gerät mit ins Gebäude. Bevor ein Raum betreten wird, sollte die Tür aus ein bis zwei Metern Entfernung mit der Kamera auf heiße Stellen abgesucht werden. Das Gerät erkennt solche Bereiche, selbst wenn sie mit der Hand noch nicht fühlbar sind. Vor allem im oberen Bereich des Türblattes, wo sich eine heiße Rauchgasschicht gebildet haben könnte.“

Redaktion:
„In diesem Zusammenhang fällt hin und wieder der Begriff Würfelblick. Was ist darunter zu verstehen?“

Torsten Sievering: „Beim Würfelblick wird die WBK kurzzeitig auf alle vier Wände, Decke und Boden gerichtet. Los geht es mit der Decke, um eine mögliche Einsturzgefahr und heiße Rauchgase festzustellen. Dann kommt der Fußboden, wo eine Durchbruchgefahr drohen könnte. Weiter geht es mit den Wänden rechts, gegenüber und links, um die Brandausbreitung einzugrenzen. Zum Abschluss folgt der Blick zurück an die Wand, von wo aus der Raum betreten wurde, um den Rückzugsweg abzusichern.“

Redaktion:
„Wie lautet Dein abschließendes Fazit?“

Torsten Sievering:
„Die WBK ist sicherlich ein wichtiges Hilfsmittel für die Feuerwehr. Der Angriffstrupp darf sich durch die Kamera allerdings nie in falscher Sicherheit wiegen. Er muss sich gerade bei Nullsicht immer vorsichtig im Seitenkriechgang nach vorne bewegen und darf auf die Sicherung des Rückzugwegs mit einer Leine oder Schlauchleitung niemals verzichten.“

Redaktion: „Torsten, vielen Dank für das Gespräch.“

Stichwort: Wärmebildkamera (WBK)
Die WBK macht sich die Infrarotstrahlung zunutze. Intensive Infrarotstrahlung ist nichts anderes, als die bei der Feuerwehr hinlänglich bekannte Wärmestrahlung; eine Strahlung die zwar über die Haut, nicht aber vom menschlichen Auge wahrgenommen werden kann. Alle Gegenstände deren Temperaturen über dem absoluten Nullpunkt von minus 273 Grad Celsius liegen, also auch Eiswürfel oder Schneeflocken, geben infrarote Wärmestrahlung ab. Je höher die Temperatur eines Objektes ist, desto intensiver ist die von ihm abgegebene Infrarotstrahlung. Sie verhält sich ähnlich, wie die des Lichtes.
Die WBK erfasst die Infrarotstrahlung und zeichnet ein Bild von einem Gegenstand, indem sie dessen Wärmeverteilung widerspiegelt. Allerdings ist zu beachten, dass die Kamera nicht nur die Infrarotstrahlung des beobachteten Objektes aufnimmt. Die Strahlung von anderen Gegenständen in seiner Umgebung und die Eigenstrahlung der Luft zwischen Kamera und Objekt werden ebenfalls abgebildet und verkomplizieren die Sache. Mit zunehmendem Abstand nimmt die Intensität der Wärmestrahlung im Übrigen ab. Es braucht daher einige Übung, um die „Wärmebilder“ zutreffend zu deuten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.
WBKs kommen beispielsweise in der Bauthermografie, zur Prüfung der Wärmedämmung von Häusern, in der Wissenschaft, zur Feststellung der Oberflächentemperatur von Landflächen, zu diagnostischen Zwecken in der Medizin und neuerdings auch als PKW-Nachtsichtassistenten zum Einsatz.